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Geschichte

- von Kreisarchivoberrat Dr. Christoph Josef Drüppel -

Großbettlingen, heute eine Gemeinde von etwa 4.000 Einwohnern, hat erst seit 1945 einen gewaltigen Bevölkerungsaufschwung zu verzeichnen. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts wies der Ort rund 250 Einwohner auf; einige Jahrzehnte später dezimierten Kriegseinwirkungen und Seuchen während des Dreißigjährigen Krieges (1618 - 1648, vor allem seit 1634) die Bevölkerung bis auf etwa 40 Personen.

Erst nach über einhundert weiteren Jahren war der ursprüngliche Stand wieder erreicht, gefolgt von einer stetigen Bevölkerungszunahme auf über 560 Einwohner im Jahr 1834. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden es selten mehr als 600 Personen, doch die Zuwanderung nach 1945 ließ die Wohnbevölkerung auf 781 im Jahr 1950 steigen, darunter 151 Heimatvertriebene. Aber schon zehn Jahre später verdoppelte sich die Einwohnerzahl; heute hat sie sich gegenüber dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor 40 Jahren weit mehr als verfünffacht.

Diese Bevölkerungsexplosion mit ihren Auswirkungen auf Wirtschaft, Sozialstruktur und Umwelt muss man sich vor Augen halten, will man als Bewohner des mächtig gewachsenen Ortes von heute die Geschichte des kleinen Ortes über viele hundert Jahre betrachten. Lange Zeit vor der ersten Besiedlung Großbettlingens und lange vor Gründung des Ortes unter dem heutigen Namen, durchwanderten Menschen sammelnd und jagend das Autmuttal und hinterließen Gegenstände, die sich bis in die Jungsteinzeit zurückdatieren lassen. Auch keltische und römische Einzelfunde fehlen nicht, doch gibt es keinerlei Hinweise auf eine Besiedlung auf Großbettlinger Markung bis in die alemannische Zeit. Scherben, Tierknochen, Hüttenlehm und zwei verbrannte Stellen, offenbar Feuerstellen, die 1968 an der Einmündung des Baumbachs in die Autmut gefunden wurden, weisen erstmals auf eine alemannische Siedlung aus der Zeit von etwa 400 - 500 n. Christus an dieser Stelle.

Die Anfänge des heutigen Ortes werden in der Zeit um 650 - 750 nach Christus anzusetzen sein; bislang konnte der zu einem vorchristlichen Urdorf gehörige Reihengräberfriedhof nicht gefunden werden. Den Ortsnamen Bettlingen erhielt die Siedlung nach ihren Bewohnern, die ihrerseits den Namen ihres alemannischen Sippenoberhauptes Badulo - vielleicht war er gar der Ortsgründer- trugen. So jedenfalls wollen es neueste Forschungen. Der Name Großbettlingen bedeutet also ursprünglich "bei den Sippenangehörigen des Badulo" oder "bei den Bewohnern des von Badulo gegründeten Ortes". In der ältesten Nennung um 1137 - 1138 erscheint die Namensform Badulo noch deutlich mit der Schreibung Batilingen. Die spätere Umlautung zu Baettlingen, Bettlingen erfolgte als regelmäßige Lautentwicklung. Der Ortsname Großbettlingen ist erst in einer Urkunde vom 19. September 1386 belegt, als Güter "ze Großen Betlingen", Urach und Kleinbettlingen von Konrad Glaheimer, Kirchherr und Schreiber der Herren von Wirtemberg, an die Pfarrkirche zu Urach verkauft werden.

Die früheren Nennungen -Batilingen 1137-1138 (Kopie um 1550), Bettlingen 12. Jh. (Kopie 16. Jh.) und Bettlingen 1274 (Kopie um 1350)- lassen als angesprochenen Ort sowohl Groß- als auch Kleinbettlingen zu. Erstmals ist Kleinbettlingen 1313 genannt. Zur Zeit der ersten Nennung, also um 1100, war Großbettlingen in den Händen der Grafen von Urach. Bislang ist nicht geklärt, ob der Ort bald darauf an die neugebildete Herrschaft Neuffen gelangte und mit dieser 1301 an Württemberg verkauft wurde, oder ob es nicht bis 1265 urachisch blieb und erst dann - wie Grafenberg - württembergisch wurde, worauf etwa die Zugehörigkeit Großbettlingens zum Gericht Grafenberg überzeugend deutet. Ortsadel ist in Großbettlingen nicht nachzuweisen. Soweit sie nicht dem Landesherrn zustanden, befanden sich die grundherrlichen Rechte in den Händen auswärtiger Klöster und Herrschaften.

Um 1100 verkaufte das Kloster Sankt Blasien ein Bauerngut mit einer großen Wiese an das Kloster Zwiefalten. Im weiteren Verlauf des Jahrhunderts schenkte Berthold von Oberboihingen dem Kloster Hirsau -unam hubam ad Bettlingen", also ein Bauerngut am Ort. Im 14. Jahrhundert ist ein reger Geschäftsverkehr mit Immobilien urkundlich überliefert, an dem eine Reutlinger Patrizierfrau aus der ehemals urachischen Dienstmannenfamilie der Kudi, Elisabeth Munt (1331), der Reutlinger Stadtschreiber Hermann von Salmendingen und der Schreiber des Grafen von Württemberg, Konrad Glaheimer (1373, 1386) beteiligt waren. Auch das Dominikanerkloster Offenhausen auf der Münsinger Alb, die Wallfahrtskapelle Tachenhausen (heute zu Oberboihingen), die Uracher Pfarrkirche und das Stift der Brüder von gemeinsamen Leben (die sogenannten Kappen- oder Gugelherrn) zu Dettingen an der Erms waren in Großbettlingen begütert. Die württembergische Herrschaft selbst ließ Anfang des 16. Jahrhunderts im Ort fünf Erblehenhöfe jeweils durch mehrere Bauern bewirtschaften. Der sogenannte "Remerhof" war mit Zustimmung des Landesherrn bereits zur Allmende geschlagen worden.

Sind die äußeren Umstände der mittelalterlichen Geschichte durch Urkunden über Schenkungen, Käufe und Verkäufe vergleichsweise gut belegt, so wissen wir doch recht wenig über das innere Gefüge der Gemeinde und das tägliche Leben ihrer Einwohner in dieser Epoche.

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Nicht viel anders verhält es sich für die Neuzeit, obwohl aussagekräftige Quellen im Gemeindearchiv vorliegen, die jedoch nie zur Erstellung einer Ortsgeschichte bearbeitet wurden. Nur Bruchstücke, isolierte Daten und Fakten sind bislang für das 17. und 18. Jahrhundert bekannt.

So verfügte der Ort schon früh über eine Schule, die zuerst im Jahr 1600 genannt wird. Die Schrecken des Dreißigjährigen Kriegs machen sie überflüssig, aber schon 1654 wird sie wieder betrieben und nimmt sogar Schüler aus dem Nachbarort Altdorf auf. Ein neues Schulhaus wird 1675 -wohl in der Kirchstraße- gebaut und 1828 durch einen respektablen Neubau ersetzt. Auf das Vorhandensein einer mittelalterlichen, aber schon früh eingegangenen Mühle deutet der Flurname "Mühlwiesen" an der Autmut; die Großbettlinger mahlten deshalb in der Mühle zu Bempflingen. Ein Steinbruch am Geigersbühl (damals "Geyersbühl") wurde 1592 in einem Vertrag zwischen der Stadt Nürtingen und der Gemeinde Großbettlingen der Nürtinger Ziegelhütte auf 20 Jahre überlassen, ein weiterer Verlängerungsvertrag ist vom 11. November 1665 erhalten.

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Bis in unser Jahrhundert muss die Landwirtschaft durchaus als Haupterwerbszweig im Ort angesehen werden, doch finden sich unter den 634 Einwohnern von 1852 unter anderem 14 Leinenweber mir ihren Familien; 2 Maurer, 3 Schneider, 4 Schuhmacher, 5 Zimmerleute und 3 Schreiner. Insgesamt sind in der Gewerbesteuerrolle von 1852 allein 39 Handwerker genannt, die mir ihren Familien bestimmt ein Viertel der Gesamtbevölkerung ausmachten. "Der Wohlstand der Einwohner ist ein mittlerer und ziemlich gleichmäßig; es gibt keine reichen, aber auch sehr wenig ganz arme Leute", heißt es in der Oberamtsbeschreibung von 1848, in der die Gewerbe jedoch als "Nebensache und bloß lokal" bezeichnet werden. Auch der Weinbau sei "in jeder Hinsicht ziemlich gering", obwohl Weingärten in Großbettlingen schon seit 1492 urkundlich belegt sind. Obstkulturen, Rinder- und Schweinezucht prägen die Landwirtschaft des 19. Jahrhunderts in besonderem Maße. Noch 1939 sprach man von Großbettlingen als einer "Arbeiterbauerngemeinde". Heute kann der Ort als Pendlerwohngemeinde mit Industrieansiedlung bezeichnet werden.

Weitere Quellen zur Geschichte:

Heimatbuch:
Großbettlingen - Geschichte der Gemeinde am Geigersbühl
(von Dr. Christoph J. Drüppel)

Bildband:
"Großbettlingen - Bilder aus alter Zeit"
erhältlich beim Bürgermeisteramt:
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